Donnerstag, 3. März 2016

Der Sitzer


Manche Dinge versteht man erst, wenn man später die richtigen Leute trifft, die einem das von damals erklären.
So ging es mir neulich, als ich vom Einkaufen im berühmten „Harte-Erdbeeren“- Supermarkt vollbepackt wieder nach Hause stiefelte. Da traf ich auf dem Platz eine Bekannte. Sie so: “Du, Euer blog ist toll. Ich erkenn’ da fast alle wieder.“
Ich schluckte. Einerseits: coole Rückmeldung, voll das Lob. Andererseits: Ach Du je, was passiert eigentlich (mit mir), wenn sich die beschriebenen Personen auch wieder erkennen? Hilfe…
Aber eigentlich bin ich ja ganz nett zu allen, oder?! Ich finde schon.


Dann sprachen wir noch über mögliche neue blog-Geschichten und sie schlug die Figur auf dem Pissoir vor. Stimmt, die hatte ich schon wieder vollkommen vergessen.
Die Existenz des Pissoirs auf dem Platz hatte viele Bewohner nachhaltig geschockt. Statt das WRG attraktiver zu gestalten, lädt man nun auch erst recht die Herrschaften ein, sich in Ruhe gemütlich einen oder zwei zu prosten, denn: die Pipibox ist ja gleich nah bei.
Echt irgendwie kontra diese Aktion. Na, ja, zumindest wird unser Hinterhausgarten seitdem weitaus weniger oft von offenen Hosenschlitze  frequentiert. Also doch anderweitig effektiv.


Eines Tages jedenfalls stand das Teil da. Und eines schönen anderen Tages saß plötzlich eine mannshohe Ton- oder Pappmacheefigur oben auf dem Pissoir. Auf dem Weg zur Bushalte nahmen meine müden Augen dann doch diese Musterunterbrechung zur Kenntnis.
Auf den ersten Blick mutete das Ding wie eine einbetonierte Leiche aus einem Louis-Defunez-Film an. Größe, Form und Farbe erinnerten an dieses TV-Erlebnis aus der Kindheit. Nee, aber so abgebrüht würde selbst hier in der bronxx niemand sein. Denke ich. Hoffe ich doch stark.

Jedenfalls saß die Figur obenauf mit gespreizten Beinen, vorne leicht mit dem Oberkörper übergekippt.
Spannend. Ein Kunstwerk. Ja, doch. Das hat ja bekanntlich Platz auf der kleinsten Hütte. Den Geruch musste der arme Kerl da oben ja nicht mehr ertragen. Ihm war es egal. Quasi. Er hütete von nun an tagein tagaus in gipsweißer Optik das größte Klo im WRG. Er gehörte dazu.



Solange, bis er genauso plötzlich wie er da saß auch wieder verschwunden war. Wie, weiß ich gar nicht. Und ich fand es schade. Wir hatten uns gerade erst so gut aneinander gewöhnt. Na, ja, aus den Augen aus dem Sinn.

Bis, ja bis zu dem Samstag, an dem ich die Frau traf und die Erinnerung wieder hoch holte. Sie meinte, das sei das Pendant zum Türmer auf dem Wasserturm im Bürgerpark gewesen.
Die Idee fand ich grandios.
Unsere bronxxler sind doch echt mal schlau und kreativ.
Während man im Bürgerpark im Juli 2014 mühsam und teuer die vier Meter hohe Bronzefigur auf den Turm hievt, weiß man sich hier schon lange zu helfen.
Ein Meter fünfzig reicht aus, ebenso wie Gips oder Ton. Unser Türmer wird ein Sitzer. Ist eh viel bequemer und im Alter auch die stabilere Position für solche Männer.
Und der Oberhammer: im WRG läuft ja mal unter dem Sitzer das e c h t e  Wasser. 


Das Männekieken im Bürgerpark hat da sicher nur den vertrocknet stillgelegten Turm unter sich.
Wir können eben original und origineller. Hier bei uns in der bronxx.
Leider lebt der Sitzer nicht mehr. Aber wer weiß, vielleicht war ja der Türmer hier einmal nachts unterwegs und hat ihn da vertrieben von seinem Platz. Wer weiß…

Donnerstag, 25. Februar 2016

Ein Rapper am Morgen…


Also ich fahre ja bei Wind und Wetter mit dem Rad zur Arbeit, weil „isch habe gar kein Auto“. So ist das.
Wäre auch gar kein Platz mehr hier draußen vor dem Haus frei. Und Bewegung ist ja auch viel gesünder. Das ist mein Erklärungsmodell, was auch eigentlich immer bombig bei meinen Diskussionspartnern ankommt.

Ihr werdet das auch kennen: seit Jahren die selbe Strecke, minutiös durchgeplant, Schleichwege geschecked und alles aufs Minimum reduziert. Mehr geht nicht. Wirklich nicht. Ein Teil der Strecke führt durch die Stadt. Eine zeitlang war ich dort so früh morgens unterwegs, dass ich mich noch durch die Pulks von angestrammten großen Kindern äh Jugendlichen ab (hoffentlich schon) achtzehn hindurchkämpfen musste.
Kotzend, schlafend, pöbelnd, pinkelnd und manchmal mutig reifere Mädels angrabend. Alles dabei.
Und da sag noch einer die bronxx sei schlimm. Nee, ehrlich. Ganz im Ernst, die bronxxler sind gnadenlos ehrlich und wissen sich – trotz der Umstände – auch irgendwie zu benehmen. Die Feierleichen aus der City machen vier Tage die Woche einen auf brav und verwandeln dann am Wochenende – endlich – die Ex-Pano- und noch-Silberquellen-Gegend in einen Scherben- und Kotzehaufen. Netter Anblick übrigens…
Das muss hier auch mal klargestellt werden. Mich regt das jedes Mal auf, wenn ich da nachts den Radweg nur per Umweg über Königslutter nehmen muss, weil mir da keine von den achtzehnjährigen chicks -  ja keine! -  meine platten Reifen ad hoc reparieren könnte… Das wäre zu viel verlangt, wenn man schon sein Fläschchen und sein Sektgläschen nach Mitternacht nicht mehr richtig im Griff hat…


Ich bin also morgens – es ist noch dunkel – auf dem Arbeitsweg und schleiche mich mit meinem Drahtesel links an Braunschweigs größtem Sparschweinentleerergebäude vorbei. Ist immer ein bisschen wie downhill: gefährliche kleine Äste im Herbst und Schneeeisglätte im Winter erhöhen den Schwierigkeitsgrad auf dem Abhang.
Aber ich liebe und schaffe es jedes Mal. Fußgänger sind auch selten da, höchstens einige Mitarbeiter der oben genannten Firma, die dort die Mittagspause lauschig mit Handy am Ohr an der Oker sitzen und alle anderen Geldgeschäfte abwickeln.

Ich kam jedenfalls morgens so um ca. sieben Uhr achtunddreißig um die Ecke vom großen Haus, an dessen Fassade ein roter Lichtstrahl sich in den Himmel beamt. Plötzlich steht da – kurz vor der kleinen Okerbrücke – eine Person vor mir. Fast aus dem Nichts im Morgengrauen vor meine Luftreifen spaziert… ein großer kräftiger Mann… Ich erschrecke mich zutiefst und lege eine Vollbremsung hin. In mir spielen sich dramatische Unfallszenen ab und ich überlege, wie ich das wohl nachher meinem Arbeitgeber erklären darf. Und auch der Polizei, weil, das ist hier nämlich kein Radweg. Oh man.
Da reißt mich die dunkelste Stimme der Welt (und der bronxx natürlich) jäh aus meinem selbstinszenierten Horrorfilm:
„Guten Morgen, mein Schatz! Wie geht es Dir?“, basst es mir entgegen. Dreimal dürft ihr nun raten, wer das war? Kam hier ja auch schon vor im blog…
Na? Und? Wer kann das eigentlich nur ein?
Richtig. Mein Rapper! Mein Rapper. Morgens um sieben Uhr achtunddreißig auf dem Weg zur Arbeit. Und dann noch mit so einer Ansage.
Ich lächele und fahre weiter.
Hach, he made my day.
Danke bronxx, dass Du immer und überall bei mir bist und, dass Zuhause immer irgendwie dabei ist…


Donnerstag, 18. Februar 2016

Es geht kein Weg zurück



Oder doch? Meistens nicht. Meistens… In einem Fall aber schon. Nämlich in ihrem Fall: die Rückwärtsgeherin.

Man sieht sie nicht oft hier bei uns in der bronxx. Manchmal taucht sie unverhofft an einer Ecke auf, schaut einen durchdringend an und wartet auf eine Reaktion. Und dann geht sie los. Rückwärts. Mit dem Rücken nach vorne, den Hinterkopf mit dem braunen Haar mutig dem Ziel entgegengestreckt, Schritt für Schritt, immer weiter.
Irgendwie unerschrocken, scheinbar zielstrebig und in der Regel wohl auch unfallfrei geradeaus verkehrt herum durch die Straßen in die Weltgeschichte.
Mal leise und mal laut vor sich hinbrabbelnd. Vielleicht zählt sie ihre Schritte oder ist ihr eigenes Navi. Keine Ahnung, auf jeden Fall mal geht sie rückwärts.

Und jeder, der ihr begegnet, hat schon festgestellt, dass es besser ist, sie dabei nicht allzu offensichtlich zu beobachten oder gar anzustarren.
Das bringt sie durcheinander, diese Frau mittleren Alters, der man solch eine spezielle Form der Fortbewegung eigentlich erstmal gar nicht an der Nasenspitze ansieht. Wie gesagt, wenn man sie anstarrt, unterbricht sie ihr Tun. Sie hält dann inne und erhebt ihre Stimme. Dann klingt ihr Brabbeln wie ein Schimpfen und ihr Rückwärtsgang scheint nicht mehr zu funktionieren.
Dann stoppt sie unwillkürlich ihre Reise, fuchtelt mit den Armen und adressiert rufende Laute an ihr Gegenüber.


Ich persönlich habe es fast nie geschafft, sie n i c h t anzusehen. Irgendwie war ich zu neugierig. Oder ich wollte sie verstehen oder so etwas. Aber ich konnte ihre Sprache nicht deuten geschweige denn in die meine übersetzen. Und so ließ ich ihr ihren Standpunkt – im wahrsten Sinne des Wortes – und ging oder fuhr einfach weiter.
Aus sicherer Entfernung habe ich mich dann trotzdem nochmal umgedreht und sah sie dann wieder ihren Kurs aufnehmen. Voran den Rücken und die Hacken, einen vor oder hinter den anderen – je nach Betrachterperspektive -.
Durch die Straßen, den Bürgerpark und wo die bronxx einen eben noch so hinführt, wenn man sie durchquert.


Bei meinen Gedanken an sie fällt mir eine ganz schön pseudo-eso-mäßige Lebensweisheit ein: „Dein Leben musst du vorwärts Leben, verstehen wirst du es rückwärts.“
Vielleicht hat es ja diese Rückwärtsgeherin irgendwie mal leichter im Leben?
Warum? Na, ja, sie lebt und geht halt rückwärts und vielleicht versteht sie dann das Leben auch vorwärts besser.
Hm, möglicherweise werde ich jetzt auch viel zu philosophisch für diesen blog hier oder für die bronxx… Wer weiß?

Eines Tages werde ich alles verstehen und mit Sicherheit auch mein Leben und vielleicht auch die Frau, die immer rückwärts unterwegs. Die, die das WRG ganz unerschrocken rückwärts durchquert und erobert. Diese brabbelnde Unterbrecherin aller gängigen Fortbewegungsmuster des menschlichen Lebens.
Es gibt sie eben alle hier, hier bei uns in der bronxx. Der Stadtteil Braunschweigs aus dem es eben doch einen Weg zurück gibt…




Donnerstag, 11. Februar 2016

Dreieck im Viertel



Es war an einem Sonntag im November. Diesen Sonntagnachmittag hatte ich für meine Suche eingeplant. Ich wollte versuchen, sie alle zu sehen.
Alle? Alle was?
Na, diese Dreiecke, die mich seit ein paar Wochen von überall her in unserem Viertel anlächeln oder anweinen. Wieder andere sehen eher still, verhalten, ruhig oder mürrisch aus, jedoch nie emotionslos.


Diese kleinen Kerlchen waren ganz plötzlich da. Einfach da, einfach mal eben mit ganz viel Liebe – so scheint es – an Hauswände, Einfahrten und andere freie Flächen gesprüht. In gelb, in grün, in rosa, in schwarz und in blau.
Ein Dreieck mit Gesicht, mit ein oder zwei Beinen, einem Auge und meistens hat es auch einen Heiligenschein dabei. Es sieht aus wie ein kleines Männchen, das sich mit seiner jeweiligen Gefühlslage geradewegs an die Hauswand gesetzt oder gestellt hat und da abgeholt werden möchte.
Ich muss immer lächeln, wenn ich eines von ihnen sehe und mir wird ganz warm ums Herz.

Mein allererstes Dreieck ist mir hier um die Ecke auf dem Frankfurter Platz am Haus eines Versicherungsbüros begegnet. Es war grün ausgesprüht und lächelte. Als ich aus dem Bus an der Haltestelle gegenüber ausstieg, hielt ich es für einen verfrühten Weihnachtsbaum. Das zauberte mir ein Lächeln aufs Gesicht. Endlich ein cooles Weihnachtsgraffiti. Näher gekommen entpuppte es sich als eines dieser dreieckigen Kerlchen.


Eigentlich sind solche Sprayerbildchen an Hauswänden immer etwas schmuddelig, absolut illegal und sie haben wenig zauberhafte Botschaften für uns. Diesmal ist es anders. Hier ist irgendwie Liebe mit drin, man kann ihnen nicht böse sein. Im Gegenteil, ich suche förmlich nach ihnen auf dem Weg durch die bronxx. Ich möchte, dass sie mich niedlich anlächeln oder angrummeln.
Sie machen mir den Tag.

Und wo sie nicht überall stehen oder sitzen…
Das habe ich versucht heraus zu finden an diesem Sonntagnachmittag im November. In einer guten Stunde habe ich im WRG  zwanzig Dreiecke gefunden und fotografiert. Viele waren gut sichtbar, einige ganz schön versteckt und immer wieder einzigartig. Ob ich sie alle gefunden habe? Ich weiß es nicht.
Ich hoffe.









Was ich leider nie wissen werde: Wer hat diese wundervollen Dreiecke erfunden und gesprayt? Wer hat mir und vielen anderen damit den Tag gemacht?
Was ich jedoch ganz sicher weiß: Ich finde meine bronxx jetzt wieder ein bisschen schöner, heimeliger und bunter. Und darum: Danke von Herzen an den kreativen Menschen, der sein Potenzial leben musste, weil kein Weg drum herum führte. Hier bei uns in der bronxx.


Mittwoch, 3. Februar 2016

Die kleine Kneipe…



So sang einst Peter Alexander. Ein Relikt aus meiner Kindheit. Ich habe es damals immer mitgesungen und hatte dazu wilde Bilder im Kopf. Schon als Kind. Ohne jemals in einer solchen Kneipe gewesen zu sein.
Jetzt, im fortgeschrittenen Erwachsenenalter, meine ich annähernd zu wissen, was Herr Alexander da vertont hat und zu einem Gassenhauer werden ließ…

Das erste Mal betrat ich die Kneipe – klein ist sie aber nun wirklich nicht – in meiner Studentenzeit, die mich Ende der 80er Jahre nach Braunschweig brachte. Die Nächte zum Tag erklärt, war ich kreuz und quer in meiner neuen Heimat unterwegs. Manchmal ohne je zu wissen, wo ich genau war oder bin. Google Maps war einfach nicht. Und es war gut so.



Daher blieb mir nichts anderes übrig, als nach der tollen Kneipennacht mit viel leckerem Essen darauf zu hoffen, diesen Ort irgendwann in der ganzen Stadt einmal wieder zu finden.
Und, was soll ich sagen… Nach exakt 20 Jahren war es soweit. Ich zog ins WRG und stand plötzlich vor diesem Platz des Geschehens, der mich in den noch wilderen Zeiten so nachhaltig beeindruckt hatte. Das Essen, die Atmosphäre, diese Mischung aus Bodenständigkeit und fremdländischer Gastfreundlichkeit. Der Geruch und die gesammelten Schätze aus alter Zeit an den Wänden. Ich war wieder hier, in meinem Revier.
Ich konnte es kaum glauben, gleich um die Ecke meiner Wohnung konnte ich nun immer – so oft wie ich es wollte – das Flair von damals in meine Gegenwart transportieren.

Natürlich mache ich das auch. Ein paar Mal im Jahr muss ich genau an diesen Ort. Mit Freunden, mit Familie und mit meinem Sohn. Gemütlich, in gutbürgerlichem Ambiente mit antiken Holzstühlen und Tischen, umgeben von alten Stadtwappen und von diesem unverwechselbaren Duft, der sich nur manchmal – wenn im Raucherzimmer die Tür aufgeht – mit Nikotin vermischt.
Und, wenn ich da bin, gibt es traditionell das eine Gericht: „Gambit spezial“.
Einen riesigen Teller voll mit allen Köstlichkeiten, die das „Gambit“ so besonders machen. Eine Mischung aus orientalisch-deutscher Küche, appetitlich angeordnet, kalt-warm frisch zubereitet und meist viel zu viel. Aber ich schaffe es irgendwie doch immer, die Porzellanplatte zu leeren. Selig glücklich, genährt und satt zufrieden. Mit allem, was mir mal wieder gefehlt hatte…
Dazu oft ein Alster und interessante Gespräche oder auch schon mal ein Fußballspiel aus dem großen Fernseher gleich vorne hinter dem Tresen.

Dieses „Gambit“ gehört in die bronxx wie die Küche in jedes Zuhause. Hier triffst Du extra von Ferne angereiste Vertraute oder Freunde.
Und natürlich die WRG-Bewohner.
Irgendwer ist immer da, in dieser Gastwirtschaft und im Sommer gibt es einen großen Biergarten vor dem Haus am Platz. Hier wird dann bis weit in die Nacht die WM verfolgt, gebangt, gejubelt, getankt, was die Nieren so aushalten und gegessen, was die stets freundlichen und emsigen Kellnerinnen Gutes aus der Küche kredenzen…

In unserer kleinen großen Kneipe in unserer bronhonxx… Dort, wo das Leben noch lebenswert ist…
Danke, Herr Alexander und danke an das Gambit-Team für so viele Jahre in dem eigentlich besten Viertel der Stadt! Spezial eben…

Mittwoch, 27. Januar 2016

Aaaahnntracht


Was ist blau-gelb mit einem Schuss rot in der Mitte?
Hm, mal überlegen..
Na, gut, ich erlaube noch den fifty-fifty-Joker, ergänze um „Löwenstadt“ und dann dürftet ihr es aber auch wissen. Spätestens dann. Oder?!

Die Aaaahnntracht. In Braunschweig reicht diese Ansage. Wahre Liebe und so, ihr wisst schon.
Ich tippe ja, achtzig Prozent unseres geneigten Publikums sind Fans. Und da dürfen wir als bronxx blog natürlich in Nichts nachstehen und müssen auch das hier aufgreifen. Versteht sich ja von selbst, nech?!



Also, wo waren wir? Genau, bei der wahren Liebe…
Auf einer meiner ersten Erkundungstouren unserer bronxx ging ich vor fast sieben Jahren an einem Fenster vorbei, dass mit viel wahrer Liebe im blau-gelben Design dekoriert war. Bierdosen bis zum Abwinken übereinander gestapelt. Verziert mit Fähnchen und dem obligatorischen Fanschal. Was muss, das muss. Dachte er sich wohl. Wer seinen Verein liebt, muss das tun…

Das ganze Ambiente mutete an, wie ein kleiner ehemaliger Verkaufsladen, der jetzt kurzerhand in eine Art Minitempel verwandelt worden war. Ich fragte mich wie immer bei solchen Anblicken, wer sich wohl dahinter verbergen mochte.

Als der BTSV in der Saison 2013/2014 seine Interimsrückkehr in die erste Bundesliga feiern konnte, war ja die ganze Stadt in Aufruhr. Und unser Fan in der bronxx nutzte diese Gelegenheit gnadenlos aus, um seinen Minitempel dem Anlass entsprechend herzurichten.
Er frönte seinen blau-gelben Göttern nun einmal mehr in den gar schönsten Bierdosenpyramiden, die die Welt und insbesondere das WRG jemals gesehen hatte. Special erste Bundesliga-Edition. Er wuchs als Dekorateur quasi über sich selbst hinaus und verlieh so seinem unendlichen Stolz Ausdruck. Mit Liebe und Hingabe gelebter Lederfußball-Fetisch.

Was dann nach der Saison passierte, werden sicherlich alle mehr oder weniger schmerzlich erinnern. Unser Freund hier in der bronxx litt wohl auch wie ein Hund darunter und brachte wiederum seine Trauer in dem kleinen Auslagenfenster des Eckhauses zum Ausdruck. Das blau-gelbe Herz weinte. Echte bitterliche dicke Löwentränen.
Man spürte das, wenn man dort vorbei ging.

Was ich noch nicht zuvor bemerkt hatte, war, dass der Laden offensichtlich Teil einer Behausung war. Denn eines Morgens sah ich dort aus der Ladentür einen kleinen Jungen mit Schulranzen herausschauen. Er stand in der geöffneten Tür und wurde vom Papa des morgens in die große weite (böse) Schulwelt geschickt.
Ich musste tatsächlich zweimal hinsehen. Die wohnen da wirklich. Und was glaubt ihr, was ich noch alles im Lichtstrahl hinter der offenen Tür sehen konnte?
Na, ja, was wohl… blau-gelb halt. Lauter kleine und große Schätze, die denen in den Auslagen der Glasfronten seines Wohnhauses in Nichts nachstanden. Ein Sammelsurium eines echten löwenstarken Fans. Alle Schätze gesammelt und zusammengestellt. In Aaaahnntracht beieinander. Mit Liebe eben, der wahren Liebe. Denn sie gibt es eben auch hier, hier bei uns in der bronxx.



Donnerstag, 21. Januar 2016

hex hex


Manchmal frage ich Nils, ob er noch eine interessante Geschichte für unseren blog parat hat. Nicht, dass mir selbst nicht genug einfiele – hier warten tagtäglich in jedem Winkel neue stories auf Veröffentlichung. Aber ich möchte natürlich auch mal die Perspektive anderer WRG-Bewohner kennenlernen und bin immer sehr gespannt, was sich daraus so ergibt.
Zwischen den Zeilen ist das unter anderem ein Appell an Euch - unsere Leser und blog-Liebhaber -, uns Eure Geschichten zukommen zu lassen… Also, wenn ihr etwas zur bronxx-Historie beizutragen habt, her damit.

Jedenfalls fiel Nils natürlich gleich was ein: „Schreib dann auf jeden Fall doch mal über die rothaarige Feuerhexe auf dem Rad.“ Bämm – die hatte ich fast vergessen und sofort waren alle Bilder bezüglich dieser Frau so was von präsent…


 
Dann mal los und jetzt beginnt eigentlich erst mein Part, der als bloggerin weiß Gott nicht immer so leicht ist: Wie beschreibe ich Euch diese Person und hangele eine Geschichte an ihr entlang? Mal gucken…

Ich bin hier im Viertel fast ausschließlich zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs. Und auf eben einer dieser Fahrradtouren fuhr eine Frau vor mir, die ich schon sehr speziell fand. Ich bin ja ehrlich gesagt schnell mal auf hundertachtzig, wenn vor mir auf dem Radweg jemand fährt, den ich nicht überholen kann. Nicht, weil er oder sie zu schnell ist, sondern weil er oder sie das Tempo abrupt wechselt und ich keine Chance habe, der Situation zu entgehen.
So war das auch in diesem Fall… Ich kam einfach nicht an ihr vorbei… So hatte ich genügend Zeit, sie mir anzusehen: ein kleines Wesen, leicht gekrümmt, normalgewichtig mit eher dünnen Extremitäten, vom Alter her etwa so zwischen Ende fünfzig und Mitte sechzig einzuordnen.
- Ihr habt ja schon gemerkt, dass die Leute bei uns im WRG immer älter aussehen, als sie wohl eigentlich sind. Das macht die viele frische Luft hier. –
Entgegen des üblich in dem Alter vielfach verbreiteten grauen Kleidungsstils, trägt diese Lady immer schwarz. Und dann ist da wieder diese berühmte Leggings… Sie hat auch welche davon oder eben nur diese eine, was weiß ich.
Sogar ihre Brille hat eine schwarze Umrandung – stilsicher und treu -. Ihren Kopf ziert eine – nein, falsch geraten, KEIN schwarz – feuerrote Lockenpracht.
Alles vom Frisör gebastelt, Frauen unter sich erkennen das recht schnell. Solch ein Rot und so kleine Löckchen gibt es nur in Spezialgeschäften. Mutter Natur stattet die Menschen in unseren Breitengeraden mit anderen Vorzügen aus.
Miniplis gehört nicht dazu, isso.

Wo sie ihrem Schwarz-Fimmel aber wiederum treu bleibt, sie schminkt sich stark um die Augen herum mit viel noir. Und ein interessanter Geruch geht immer von ihr aus. In meiner Kindheit habe ich Angesichts der stetigen Ilja-Rogoff-Knoblauch-Pillen-Werbung immer überlegt, wie die Konsumenten das wohl entgiften mögen. Jetzt weiß ich es ganz sicher. Ganz sicher. Ist schon abgefahren, dass ich Jahre später Antworten auf Fragen aus der Kindheit bekomme. Das Universum sorgt irgendwie gut für mich, finde ich.

Ich hatte jedenfalls genug Zeit, Frau Rogoff eingehend zu studieren und unter die Lupe zu nehmen. Sie ließ mich einfach nicht vorbei. Ich war aufgebracht und befremdet zugleich. An der nächste Ampel kam sie plötzlich und für mich ungeplant vor mir zum Stehen. Ich hatte nur noch wenige Meter über den Frankfurter Platz zu meiner Wohnung vor mir und entkam – quietschend bremsend – nur knapp einem Auffahrunfall.
Sofort war die Dame vor mir am Start, sie sprang aus ihrer merkwürdig symbiotisch wirkenden Fahrradbeziehung heraus und schimpfte mich mehr als lautstark aus. Ich hatte mich gerade von dem Fast-Unfall-Schock erholt, da wartete schon der nächste auf mich. Sie torpedierte mich mit wütenden Worten, war offensichtlich in Wallung darüber, dass ich ihr mit meinem Gefährt zu nahe getreten war und motzte wild in den WRG-Äther hinein.




































Puh, das war hart und ich habe mich echt zusammengerissen, da NICHT mit einzustimmen. Betäubt vom Ilja und erschrocken von der Wortlawine war ich verdattert und für ganz schön lange Momente sprachlos.
Die Szene hinterließ bei mir nichts Gutes. Im Gegenteil, ich hatte weder Lust noch Möge, sie so schnell zu wiederholen. Lieber gar nicht.

Natürlich habe ich sie öfter wiedergesehen, die bronxx lebt und ihre Bewohner natürlich auch. Dann bin ich jedoch jedes Mal lieber gleich stehen geblieben und habe brav abgewartet bis sie mit ihrem Rad und ihrer Wut vorbeigestrampelt ist. Ja, es gab auch wieder was zum lauten wutentbrannten Besprechen ihrerseits. Ich sah jetzt keinen Grund, aber ich muss ja auch nicht alles sehen… Als die Luft dann endlich rein war, habe auch ich weitergemacht…


Ihr seht schon, Nils hat ihr den Namen verpasst und er hat damit alles gesagt, was zu sagen war. Mir bleibt daher letztendlich nur die Feststellung, dass hier in der bronxx, wo so viel düsteres sich bewegt und offensichtlich auch passiert, ein roter Farbtupfer wahrscheinlich gefehlt hat. Feurig. Hitzig. Das hält warm. Denkt daran und fahrt bloß vorsichtig! Denn, es weht ein harter Rogoff-Wind bei uns… hier in der bronxx…